Architektur, die sich bewegt

Kinetische Architektur charakterisiert sich dadurch, dass bestimmte Bauteile eines Gebäudekomplexes beweglich sind. Kinetische Konstruktionen sind keine modernen Erfindungen, denn bereits mittelalterliche Zugbrücken stellen ein frühes Beispiel dar. Durch den technologischen Fortschritt und die Entdeckung neuer Baumaterialien können mittlerweile Türen, Fenster, Wände und sogar ganze Räume computergesteuert rotiert werden. Man ist somit in der Lage, das Gebäude in Abhängigkeit von Tageszeit, Wetter oder anderen persönlichen Bedürfnissen anzupassen. Auf diese Weise lassen sich hochklappbare Wände in Terrassenflächen transformieren; Räume rotieren je nach Jahreszeit und Lichtverhältnis, um Schatten oder Sonne zu priorisieren.

Inspiration durch Bewegung

Der Architekt und Ingenieur William Zuk veröffentlichte 1970 das Buch „Kinetic Architecture“. Mit diesem Werk inspirierte er viele Architekten, kinetische Gebäude zu konstruieren. Eines der bekanntesten Projekte „The Arkinetic House“ stammt von dem kolumbianischen Architekt Jose Leonidas Mejia, welches sich immer noch in der Bauphase befindet. Er untersucht damit neue Funktionen, um Strukturelemente in alle Richtungen bewegen zu können. Dafür benutzt er seine Erfindung „MDS“ (Multiple Displacement of Structure), um die Flexibilität der Gebäudeteile zu realisieren. Auch erneuerbare Energiequellen stehen bei Mejia im Fokus, sodass er sie in seinem Projekt einbindet.

Entwurf eines kinetischen Hauses
Entwurf des Architekten Jose Leonidas Mejia: ein Haus, welches sich komplett rotieren lässt.

Ten Fold Engineering

Ein Vorreiter in der kinetischen Architektur ist das englische Unternehmen Ten Fold Engineering. Es entwickelt Häuser, Shopping Malls, medizinische Lager und Supermärkte, die sich in 10 Minuten entfalten und danach wieder einklappen lassen. Dafür haben sie spezielle Hebel- und Klapptechnologien sowie Montagesysteme entwickelt. Die Konstruktionen sind im ausgeklappten Zustand sehr stabil, sodass sie tragende Eigenschaften erfüllen. Durch die Einklappfunktion können sie leicht transportiert und gelagert werden. Diese Strukturen funktionieren zudem ohne komplexe Antriebssysteme und verbrauchen nur wenig Strom.

Ten Fold House

Die Westarkade in Frankfurt

Ein weiterer Anwendungsfall steht in Deutschland: Die Westarkade in Frankfurt am Main. Die Fassade des 56 Meter hohen Büroturms ist aus Aluminium-Glas und spielt eine wichtige Rolle dabei, den Primärenergiebedarf unter 100 kWh pro Quadratmeter zu halten. Die Fenster haben farbige Klappen, die sich je nach Sonnenstand vollautomatisch öffnen und schließen, um die natürliche Belüftung zu unterstützen und die künstliche Beleuchtung zu minimieren.

KfW Westarkade in Frankfurt am Main
KfW Westarkade in Frankfurt am Main - Quelle: Wikimedia Commons / Daniel Vorndran