Architekten, Ingenieure und Stadtentwickler beschäftigen sich mit den Konsequenzen des Klimawandels für Umwelt und Gesellschaft. Um den Schaden dieses Wandels zu neutralisieren, forschen sie nach potenziellen Alternativen mit Hilfe der Natur. Das Forschungsgebiet der Baubotanik beschäftigt sich mit einer Bauweise, bei der Gebäude mit Hilfe von Pflanzen und Bäume erbaut werden. Der Begriff Baubotanik stammt vom Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen der Universität Stuttgart. Das Thema entwickelte sich zu einem interdisziplinären Forschungs- und Betätigungsfeld, welches seit März 2017 an der Professur für Green Technologies in Landscape Architecture der TUM angesiedelt ist. Der Ansatz dieser Bauweise gewann den Bundespreis ecodesign 2017 in der Kategorie Konzept, welcher zukunftsweisende Designstudien und Modellprojekte auszeichnet.

Zurück zu den Wurzeln der Natur

Obwohl Baubotanik ein relativ neues Fachgebiet ist, existieren längst architektonische Konstruktionen von Bäumen und Pflanzen. Das Volk der Khasi im indischen Bundesstaat Meghalaya baut bereits seit Jahrhunderten Brücken mit Wurzeln des Bambus sowie des Betelnussbaums. Diese Wurzeln brauchen 10 bis 15 Jahren, um zu wachsen. Ein anderes Beispiel dieser Bauweise lässt sich in Deutschland finden: die Tanzlinde in Peesten. Dieser Baum wurde vermutlich zwischen 1550 und 1600 gepflanzt und ist in eine Tanzfläche integriert.

Gegenwärtig arbeiten die Forscher daran, die Baubotanik mit klassischen Baustrukturen zu verbinden. Das Ziel dabei ist, dass Funktionalitäten und Aufgaben der Bauteile miteinander verschmelzen und eine Art Symbiose bilden. Dabei entsteht ein pflanzlich-technisches System, welches die Eigenschaften und Aufgaben der Bauteile verschwimmen lässt: Tragende Eigenschaften werden nun beispielsweise auf die Pflanzen übertragen.

Fusion von Haus und Baum
Fusion von Haus und Baum in der Baubotanik - Quelle: biotope-city.net

Parallel dazu wird großes Augenmerk auf die Auswirkung, die das Wachstum der Pflanzen auf die Ästhetik der Konstruktionen ausübt, gelegt. Bauwerke aus Bäumen und Pflanzen sind ständigen Veränderungen der Natur ausgesetzt. Ein endgültiges und fertiges Resultat ist nicht das Ziel.

Die Faszination der Baubotanik besteht darin, intelligente Konstrukte zu haben, die sich selbst regulieren: das Wachstum der Bäume macht sie stärker, stabiler, widerstandsfähiger. Stellen, die großer Belastung ausgesetzt sind, werden durch verstärktes Wachstum des Baumes kompensiert.

Wettbewerbsbeitrag zum Haus der Zukunft, Berlin
Baubotanik beeindruckt mit Höchstleistungen und Schönheit. (Wettbewerbsbeitrag zum Haus der Zukunft, Berlin) - Quelle: biotope-city.net

Baubotanik als nachhaltiges Konzept und als Bekämpfung von Naturentfremdung

Der Architekt und Professor für Landschaftsarchitektur Ferdinand Ludwig ist davon überzeugt, dass Baubotanik eine wirksame und effektive Herangehensweise ist, um den Herausforderungen der Städte entgegen zu wirken. Viele Städte bestehen zum größten Teil aus Beton und Asphalt. Diese Materialien heizen sich bei sommerlichen Temperaturen schnell auf, was zu einem unangenehmen Klima in der Stadt führen kann. Baubotanik sorgt für Kühlung und in Folge zu einem besseren Wohlfühlfaktor. Auch muss nicht extra Raum für Pflanzen geschaffen werden, da sie bereits integraler Bestandteil sind. Dies sorgt zudem gleichzeitig dafür, dass sog. „Stadtmenschen“ sich wieder der Natur nähern und dem Stress ein wenig entfliehen können.